Wendepunkt

Die Reise, nach der mein altes Leben nicht mehr passte

Tom Lichtenwalter Juni 2026 5 Min.
Joshua Tree, 2007 — Tom Lichtenwalter
Joshua Tree, 2007

Im Januar 2000 bin ich mit meinem Bruder in ein Flugzeug nach Los Angeles gestiegen. 14 Tage später kam ich zurück.

Sonntags gelandet. Montags gekündigt.

Verrückt? Wahrscheinlich. Zumindest haben das damals viele gedacht.

Ich war 30 Jahre alt, Metallbaumeister und hatte einen sicheren Job in Baden-Baden. Jeden Tag bin ich von Linkenheim nach Baden-Baden gefahren und wieder zurück. 112 Kilometer.

Morgens als Erster rein.
Abends als Letzter raus.
Mitarbeiter einteilen.
Baustellen betreuen.
Kunden besuchen.
Angebote schreiben.
Verantwortung übernehmen.
Und am nächsten Morgen wieder von vorne.

Für viele Menschen ist das ein gutes Leben. Für mich irgendwann nicht mehr. Damals wusste ich das nur noch nicht. Oder vielleicht wusste ich es doch und wollte es einfach nicht wahrhaben.

Musik war mein Ventil. Dort konnte ich kreativ sein. Dort konnte ich abschalten. Dort konnte ich einfach ich selbst sein.

Dann kam diese Reise.

Los Angeles.
San Diego.
Arizona.
Grand Canyon.
Las Vegas.
Yosemite.
San Francisco.
Und zurück über den Highway 1 nach Los Angeles.

14 Tage Westküste. Mehr nicht. Dachte ich jedenfalls.

Schon am ersten Morgen wusste ich, dass irgendetwas anders ist. Ich stand im Hotel am LAX und putzte mir die Zähne. Bis heute habe ich diesen Chlorgeruch vom Leitungswasser in der Nase. Klingt bescheuert. Ist aber so. Manchmal sind es genau diese Kleinigkeiten, die hängen bleiben.

Was mich aber wirklich erwischt hat, war etwas anderes. Die Weite. Diese endlosen Highways. Diese Landschaften. Dieser Horizont.

Plötzlich war da Platz.
Platz für Gedanken.
Platz für Ideen.
Platz zum Atmen.

Ich kann es nicht anders beschreiben. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich wirklich atmen kann. Und riechen. Und schmecken. Als hätte jemand plötzlich alle Regler aufgedreht.

Dann kam der Grand Canyon. Bis heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich ging auf diesen Rand zu. Schritt für Schritt. Und dann lag diese gewaltige Schlucht plötzlich vor mir. Der Himmel war klar. Ein paar Wattewölkchen. Diese unglaublichen Farben. Diese Ruhe. Diese Größe.

Es war, als würde jemand meinen Kopf aufmachen.

Und ich weiß noch genau, was damals in mir passiert ist. Auf einmal waren da Gedanken. Ideen. Möglichkeiten. Alles gleichzeitig. Jahrelang hatte ich das Gefühl, mit angezogener Handbremse durchs Leben zu fahren. Und dort oben wurde diese Handbremse plötzlich gelöst. Ich hätte am liebsten losfliegen können. So hat sich das angefühlt.

Die Reise ging weiter. Monument Valley. Las Vegas. Yosemite. San Francisco. Der Highway 1 — bis heute eine der schönsten Straßen, die ich jemals gefahren bin. Aber die eigentliche Reise fand längst woanders statt. Nämlich in meinem Kopf.

Als ich zwei Wochen später wieder im Flugzeug nach Deutschland saß, hatte ich keine Angst. Gar keine. Keine Angst vor Veränderungen. Keine Angst vor der Zukunft. Keine Angst davor, was andere denken. Ich wusste nur eins: So wie bisher kann es nicht weitergehen.

Sonntags bin ich gelandet. Montags habe ich gekündigt. Meine damalige Frau war schwanger. Wir erwarteten unser erstes Kind. Alles sprach für Sicherheit. Und ich habe trotzdem gekündigt. Nicht weil ich besonders mutig war. Nicht weil ich einen perfekten Plan hatte. Sondern weil ich tief in mir wusste, dass es richtig ist.

Heute, mehr als 25 Jahre später, sehe ich die Spuren dieser Reise überall. In meiner Arbeit mit Film, Fotografie, Medienproduktion und heute auch mit künstlicher Intelligenz. In den vielen Reisen, die danach folgten. In den Landschaftsbildern aus dem amerikanischen Westen, die später weltweit verkauft wurden. In Freundschaften, die bis heute bestehen. Im Tonstudio. In der Musik. Und in vielen Entscheidungen, die ich seitdem getroffen habe.

Wenn mich heute jemand fragt, was Amerika für mich bedeutet, denke ich nicht als Erstes an Los Angeles, den Grand Canyon oder den Highway 1. Ich denke an etwas anderes.

Amerika hat mir nicht gezeigt, wie Amerika ist. Amerika hat mir gezeigt, wie ich schon immer war.

Und manchmal reicht eine einzige Reise, um zu erkennen, dass das Leben, das man gerade führt, längst nicht mehr das Leben ist, das man eigentlich leben möchte.

In January 2000, I boarded a plane to Los Angeles with my brother. Fourteen days later, I came back.

Landed on Sunday. Quit on Monday.

Crazy? Probably. At least that's what a lot of people thought back then.

I was 30 years old, a master metalworker with a secure job in Baden-Baden. Every day I drove from Linkenheim to Baden-Baden and back again. 112 kilometers.

First one in, in the morning.
Last one out, at night.
Assigning the crew.
Managing the job sites.
Visiting clients.
Writing quotes.
Taking responsibility.
And the next morning, starting all over again.

For many people, that's a good life. For me, at some point, it no longer was. I just didn't know it yet. Or maybe I did know, and simply didn't want to admit it.

Music was my outlet. There I could be creative. There I could switch off. There I could simply be myself.

Then came that trip.

Los Angeles.
San Diego.
Arizona.
Grand Canyon.
Las Vegas.
Yosemite.
San Francisco.
And back along Highway 1 to Los Angeles.

Fourteen days on the West Coast. Nothing more. Or so I thought.

On the very first morning, I knew something was different. I stood in the hotel near LAX, brushing my teeth. To this day I still have that chlorine smell of the tap water in my nose. Sounds ridiculous. But it's true. Sometimes it's exactly these little things that stay with you.

But what really got to me was something else. The vastness. Those endless highways. Those landscapes. That horizon.

Suddenly there was space.
Space for thoughts.
Space for ideas.
Space to breathe.

I can't describe it any other way. For the first time in my life, I had the feeling that I could really breathe. And smell. And taste. As if someone had suddenly turned all the dials up.

Then came the Grand Canyon. To this day I get goosebumps when I think about it. I walked toward that rim. Step by step. And then this immense gorge suddenly opened up in front of me. The sky was clear. A few wisps of cloud. Those unbelievable colors. That stillness. That sheer scale.

It was as if someone was opening up my mind.

And I still remember exactly what happened inside me back then. All at once there were thoughts. Ideas. Possibilities. All at the same time. For years I'd felt like I was driving through life with the handbrake on. And up there, that handbrake was suddenly released. I could have taken off and flown. That's how it felt.

The journey continued. Monument Valley. Las Vegas. Yosemite. San Francisco. Highway 1 — to this day one of the most beautiful roads I've ever driven. But the real journey had long been happening somewhere else. Inside my head.

When I sat on the plane back to Germany two weeks later, I felt no fear. None at all. No fear of change. No fear of the future. No fear of what others might think. I knew only one thing: things couldn't go on the way they had.

I landed on Sunday. On Monday I quit. My wife at the time was pregnant. We were expecting our first child. Everything pointed toward playing it safe. And I quit anyway. Not because I was especially brave. Not because I had a perfect plan. But because deep down I knew it was right.

Today, more than 25 years later, I see the traces of that journey everywhere. In my work with film, photography, media production, and today with artificial intelligence too. In the many trips that followed. In the landscape images from the American West that were later sold around the world. In friendships that still last to this day. In the recording studio. In music. And in many of the decisions I've made ever since.

When someone asks me today what America means to me, the first thing I think of isn't Los Angeles, the Grand Canyon, or Highway 1. I think of something else.

America didn't show me what America is like. America showed me who I had always been.

And sometimes a single journey is all it takes to realize that the life you're currently living is no longer the life you actually want to live.

— Tom
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