Im Januar 2000 bin ich mit meinem Bruder in ein Flugzeug nach Los Angeles gestiegen. 14 Tage später kam ich zurück.
Sonntags gelandet. Montags gekündigt.
Verrückt? Wahrscheinlich. Zumindest haben das damals viele gedacht.
Ich war 30 Jahre alt, Metallbaumeister und hatte einen sicheren Job in Baden-Baden. Jeden Tag bin ich von Linkenheim nach Baden-Baden gefahren und wieder zurück. 112 Kilometer.
Morgens als Erster rein.
Abends als Letzter raus.
Mitarbeiter einteilen.
Baustellen betreuen.
Kunden besuchen.
Angebote schreiben.
Verantwortung übernehmen.
Und am nächsten Morgen wieder von vorne.
Für viele Menschen ist das ein gutes Leben. Für mich irgendwann nicht mehr. Damals wusste ich das nur noch nicht. Oder vielleicht wusste ich es doch und wollte es einfach nicht wahrhaben.
Musik war mein Ventil. Dort konnte ich kreativ sein. Dort konnte ich abschalten. Dort konnte ich einfach ich selbst sein.
Dann kam diese Reise.
Los Angeles.
San Diego.
Arizona.
Grand Canyon.
Las Vegas.
Yosemite.
San Francisco.
Und zurück über den Highway 1 nach Los Angeles.
14 Tage Westküste. Mehr nicht. Dachte ich jedenfalls.
Schon am ersten Morgen wusste ich, dass irgendetwas anders ist. Ich stand im Hotel am LAX und putzte mir die Zähne. Bis heute habe ich diesen Chlorgeruch vom Leitungswasser in der Nase. Klingt bescheuert. Ist aber so. Manchmal sind es genau diese Kleinigkeiten, die hängen bleiben.
Was mich aber wirklich erwischt hat, war etwas anderes. Die Weite. Diese endlosen Highways. Diese Landschaften. Dieser Horizont.
Plötzlich war da Platz.
Platz für Gedanken.
Platz für Ideen.
Platz zum Atmen.
Ich kann es nicht anders beschreiben. Zum ersten Mal in meinem Leben hatte ich das Gefühl, dass ich wirklich atmen kann. Und riechen. Und schmecken. Als hätte jemand plötzlich alle Regler aufgedreht.
Dann kam der Grand Canyon. Bis heute bekomme ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. Ich ging auf diesen Rand zu. Schritt für Schritt. Und dann lag diese gewaltige Schlucht plötzlich vor mir. Der Himmel war klar. Ein paar Wattewölkchen. Diese unglaublichen Farben. Diese Ruhe. Diese Größe.
Es war, als würde jemand meinen Kopf aufmachen.
Und ich weiß noch genau, was damals in mir passiert ist. Auf einmal waren da Gedanken. Ideen. Möglichkeiten. Alles gleichzeitig. Jahrelang hatte ich das Gefühl, mit angezogener Handbremse durchs Leben zu fahren. Und dort oben wurde diese Handbremse plötzlich gelöst. Ich hätte am liebsten losfliegen können. So hat sich das angefühlt.
Die Reise ging weiter. Monument Valley. Las Vegas. Yosemite. San Francisco. Der Highway 1 — bis heute eine der schönsten Straßen, die ich jemals gefahren bin. Aber die eigentliche Reise fand längst woanders statt. Nämlich in meinem Kopf.
Als ich zwei Wochen später wieder im Flugzeug nach Deutschland saß, hatte ich keine Angst. Gar keine. Keine Angst vor Veränderungen. Keine Angst vor der Zukunft. Keine Angst davor, was andere denken. Ich wusste nur eins: So wie bisher kann es nicht weitergehen.
Sonntags bin ich gelandet. Montags habe ich gekündigt. Meine damalige Frau war schwanger. Wir erwarteten unser erstes Kind. Alles sprach für Sicherheit. Und ich habe trotzdem gekündigt. Nicht weil ich besonders mutig war. Nicht weil ich einen perfekten Plan hatte. Sondern weil ich tief in mir wusste, dass es richtig ist.
Heute, mehr als 25 Jahre später, sehe ich die Spuren dieser Reise überall. In meiner Arbeit mit Film, Fotografie, Medienproduktion und heute auch mit künstlicher Intelligenz. In den vielen Reisen, die danach folgten. In den Landschaftsbildern aus dem amerikanischen Westen, die später weltweit verkauft wurden. In Freundschaften, die bis heute bestehen. Im Tonstudio. In der Musik. Und in vielen Entscheidungen, die ich seitdem getroffen habe.
Wenn mich heute jemand fragt, was Amerika für mich bedeutet, denke ich nicht als Erstes an Los Angeles, den Grand Canyon oder den Highway 1. Ich denke an etwas anderes.
Amerika hat mir nicht gezeigt, wie Amerika ist. Amerika hat mir gezeigt, wie ich schon immer war.
Und manchmal reicht eine einzige Reise, um zu erkennen, dass das Leben, das man gerade führt, längst nicht mehr das Leben ist, das man eigentlich leben möchte.